Ästhetik ohne Zwang

Die Natur selbst macht Ästhetik ohne Zwang. Dieses Befreite und Sinnliche interessiert mich sehr. Die Pflanzen bilden ein eigenes Reich aus Leichtigkeit und Feinstofflichkeit. Diese organische Welt mit ihrem Wachstum, ihrer Perfektion und Schönheit spornt mich an. Ich bewundere diese Vergänglichkeit ohne Rückstände, die Resistenz und Anpassungsbereitschaft. Gerne trete ich mit diesem unmittelbar Alltäglichen in einen Dialog. In der urbanen Natur suche ich sichere Orte zum Nichtstun. In dieser Nachbarschaft möchte ich an die Ursprünglichkeit erinnert werden und mich selber darin entdecken. Dadurch sind die neu entstehenden Darstellungen Spiegelbilder meiner eigenen Natur. Ich gehe ohne Konzept oder Absichten an dieses Kennenlernen. Bestimmend sind meine Neugierde, das Beobachten und meine Achtsamkeit.

Das Naturstudium als Basis der „Schönen Künste“ bewegt mich als wissenschaftliche Illustratorin intensiv. Das nichtdenkende Schauen, das Ganz-nah-Sein beim Wesentlichen ist zentral. Häufig beeinflussen mich die verschiedenen Aggregatzustände der Pflanzen, wie etwa verwelkte Blätter oder Algenfäden. Mich interessieren die Konstruktion der Pflanze, ihre Details und Transparenzen. Ich beobachte den Zwischenraum der Formzustände, die Dünnschichtigkeit und die räumliche Ausdehnung. Daraus erwächst ohne Absicht tektonischer Raum. Mit meiner Arbeitsweise fühle ich mich Rachel Ruysch, der niederländischen Stilllebenmalerin des Barock, nahe, ich versuche, mich meinem persönlichen Empfinden und Erleben diesen Pflanzen und Farben als Lebewesen zu nähern. Auf Augenhöhe mit der Natur sein, nicht über ihr zu stehen, das ist meine Sichtweise. Jean-Henri Fabre, ein französischer Entomologe, erforschte das Leben von Insekten. Er sagte, dass Insekten das vielfältigste, reichste und unmittelbarste Forschungsgebiet für arme Forscher sind: „Geh vors Haus und beobachte.“

Meine Darstellungen werden zu einer Art Stillleben. Zwischendurch interessiert mich auch die fluoreszierende Farbigkeit mit ihrer Tiefenwirkung. Die Pflanzen haben letztlich die Ästhetik der Architektur geprägt: Vielen Aussen- und Innenräumen liegt ein starkes Naturerlebnis zugrunde. Ich hoffe, dass meine Arbeiten das Raumempfinden der Betrachter inspirieren. Um diese grösste und existenzielle Liebesbeziehung möchte ich mich kümmern. Dazu bringe ich meine ganze Gestaltungskraft aus Leidenschaft ein. Die Natur ist unsere Lebensgrundlage, auch wenn wir das leicht vergessen. So betrachtet sind meine Arbeiten eine Art Kampagne für ökologisch-kulturelle Nachhaltigkeit. Die Wirtschaft mag noch so fruchtbar sein – ihre wahren Ressourcen sind die Natur und wir Menschen.

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